Pressemitteilung
Veröffentlicht am:     02.03.2006
Veröffentlicht von:     Christiane Rathmann
Öko-Institut e. V. - Institut für angewandte Ökologie

Forschungsvorhaben zeigt Lösungsansätze auf

Am Morgen ein Schluck Kaffee, mittags ein belegtes Brötchen am Schreibtisch und abends eine Tiefkühl-Pizza vor dem Fernseher. Nach Meinung vieler sieht so immer häufiger der Ernährungsalltag der Deutschen aus. Gesund und umweltverträglich kann das wohl nicht sein. Aber ist dies wirklich so und wie kann Ernährung nachhaltiger gestaltet werden?

Auf diese Fragen gibt das Forschungsprojekt "Ernährungswende" Antworten. Übergreifendes Ergebnis: Wer die Ernährungsprobleme in der Gesellschaft angehen will, wer Schluss machen möchte mit Skandalen wie BSE und Gammelfleisch, muss Ernährung im Zusammenhang mit Umweltverträglich-keit und Gesundheitsförderung betrachten. Um Handlungsstrategien für nachhaltige Ernährung zu entwickeln, die eine Chance auf Umsetzung haben, ist der Alltag der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

>> Einzellösungen reichen nicht aus
Die heutigen Probleme umfassen Umweltbelastungen durch die Landwirtschaft ebenso wie ernährungsmitbedingte Krankheiten. Um die Vielzahl der Probleme in den Griff zu bekommen, sind Einzellösungen nicht ausreichend. "Es muss ein gesellschaftlicher Veränderungsprozess in Gang gesetzt werden, der eine nachhaltige Ernährung in den Mittelpunkt des Handelns von Politik, Unternehmen, Institutionen und KonsumentInnen stellt", betont Dr. Ulrike Eberle, Ernährungsexpertin am Öko-Institut und Projektleiterin des Verbundvorhabens "Ernährungswende". "Eine Ernährungswende ist dringend notwendig." Wende meint dabei nicht Kehrtwende, heißt nicht 'alles neu und anders' oder 'zurück zu alten Verhältnissen'.

Eine Ernährungswende umfasst deutlich mehr als nur Bio-Produkte. Sie erfordert, nachhaltige Ernährung als umweltverträgliche und gesundheitsfördernde Ernährung zu verstehen, die sich in den Alltag einbinden lässt. Zudem muss sie soziokulturelle Vielfalt ermöglichen.

Für Schulen heißt das: Umweltverträgliches und gesundes Essen muss selbstverständlicher Teil des Lernalltags werden. Die Qualität von Schulverpflegung ist dafür ebenso wichtig wie genügend Zeit fürs Essen, ein entspannendes Ambiente und eine zeitgemäße Ernährungs- und VerbraucherInnenbildung. "Lehrpersonal, Schulträger, Köche und Caterer tragen hier eine gemeinsame Verantwortung für die Förderung einer nachhaltigen Ernährung", erläutert die Soziologin Dr. Ulla Simshäuser, die das Projekt am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) bearbeitete. "Qualitätssicherung und Weiterbildung der professionellen Akteure ist für eine Ernährungswende unabdingbar und wird bisher in ihrer Dringlichkeit völlig unterschätzt."

Wo liegen Hindernisse und wo Lösungsansätze?
Die Forschungsergebnisse des Projekts entschleiern weit verbreitete Mythen, wie beispielsweise Ansichten über den Verlust der Ernährungskultur und die Auswirkungen der Ernährungsgewohnheiten auf die Umwelt. Gleichzeitig werden zentrale Hindernisse und Lösungsansätze für eine Ernährungswende aufgezeigt:

>> Keine flächendeckende Versorgung
Bisher mangelt es vor allem an einer flächendeckenden Versorgung mit nachhaltigen Lebensmitteln und Außer-Haus-Angeboten. Zwar gibt es eine breite Palette an Bio-Produkten oder Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, aber nur sehr wenige Angebote erfüllen mehrere Nachhaltigkeitsqualitäten gleichzeitig. Zudem sind sie oft schwer zu bekommen.

Ein Lösungsansatz wäre es, Nachhaltigkeitsqualitäten wie bio, regional, saisonal, fair gehandelt und artgerechte Tierhaltung in Angeboten zu bündeln. "Umweltverträgliche und gesundheitsfördernde Angebote müssen im Handel und der Außer-Haus-Versorgung zum Standard werden", fordert Öko-Instituts-Wissenschaftlerin Dr. Ulrike Eberle. Diese Angebote sollten zudem dort erhältlich sein, wo sie im Alltag benötigt werden: Bei der Arbeit, in Schulen und Kindertagesstätten, in Krankenhäusern und Heimen, in Freizeiteinrichtungen, in der Gastronomie und im Einzelhandel. Zudem müssen sie leicht als nachhaltige Angebote erkennbar sein. Ein Nachhaltigkeitszeichen, das nachhaltige Ernährungsangebote - gerade auch in der Gastronomie - für die KonsumentInnen leicht erkennbar macht, könnte hier eine Lösung sein.

>> Fehlende Orientierungshilfen zur Entlastung
Es existiert eine Vielzahl an oft widersprüchlichen Ernährungsinformationen und -empfehlungen. Vorstellungen von einer "richtigen" Ernährung werden in Leitbildern verbreitet. Doch Orientierung für nachhaltige Ernährung und Entlastung im Alltag bieten diese den KonsumentInnen nicht.

Ein Lösungsansatz ist es, Leitbilder so zu gestalten, dass sie Alltagsprobleme und -fragen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen aufgreifen. "Bilder einer heilen Welt uneingeschränkter Genüsse und Appelle an Vernunft und Verzicht sind keine 'echten' Orientierungshilfen. Vielmehr müssen Leitbilder die Gestaltung nachhaltiger Ernährung im Alltag praktisch veranschaulichen", unterstreicht Dr. Doris Hayn, Ökotrophologin am Institut für sozial-ökologische Forschung. Um KonsumentInnen darüber hinaus zu unterstützen, sind alltagstaugliche Informations- und Beratungsangebote vonnöten.

>> Fehlende Vorsorgeorientierung und Verantwortungsübernahme
Die aktuelle Praxis zeigt deutlich: Es mangelt an einer Verantwortungsübernahme für eine nachhaltige Ernährungspraxis, die am Vorsorgeprinzip orientiert ist - sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft.

Ein Lösungsansatz liegt in einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit verschiedener Politikbereiche wie Ernährung und Gesundheit, Umwelt und Wirtschaft, Familie, Soziales und Bildung ebenso wie in der Kooperation unterschiedlicher Wirtschafts- und gesellschaftlicher Akteure. Notwendig ist es zudem, unterstützende Strukturen beispielsweise über die Finanzierung von Netzwerken oder die Unterstützung der Professionalisierung von Schulakteuren zu nachhaltiger Ernährung aufzubauen.

Ergebnisse des Forschungsprojektes sind veröffentlicht in:

Ulrike Eberle, Doris Hayn, Regine Rehaag und Ulla Simshäuser (Hrsg.),
"Ernährungswende. Eine Herausforderung für Politik, Unternehmen und Gesellschaft",
oekom verlag München, 2006.

Zu bestellen ist das Buch zum Preis von 29,80 Euro beim Verlag unter Fax 089/970 00-405. Kostenlose Rezensionsexemplare für JournalistInnen gibt es bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

AnsprechpartnerInnen:

+++ Dr. Ulrike Eberle (Projektleiterin), Öko-Institut e.V., Telefon 040/39 80 84 76, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
+++ Dr. Doris Hayn, Institut für sozial-ökologische Forschung, Telefon 069/7076919-0, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
+++ Dr. Ulla Simshäuser, Soziologin, Telefon 06221/64 91 67, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
+++ Regine Rehaag, KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung, Telefon 0221/94 40 48-41, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
+++ Gerd Scholl, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Telefon 030/88 45 94-0, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

"Ernährungswende" war ein Gemeinschaftsprojekt des Forschungsverbundes Ökoforum, unter der Leitung des Öko-Instituts e.V., an dem das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), das KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung und das Österreichische Ökologie Institut für angewandte Umweltforschung beteiligt waren. Das Forschungsvorhaben wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Förderschwerpunkt "Sozial-ökologische Forschung" gefördert.